Ghana-Einsatz mit dem SES, 3.-30. Januar 2002
Kurzbericht
Dr. Adolf Leue
Es war keine nostalgische Reise in die Vergangenheit, obwohl der Anlass dafür es vermuten lassen konnte. Garu ist eine Ortschaft, ein Marktflecken, im äußersten Nordosten Ghanas, eine vergessene und vernachlässigte Ecke des Landes. Als die Christoffel Blindenmission (CBM) in guter Gemeinschaft mit der Presbyterianischen Kirche~Ghanas (PCG) Ende 1974 uns darum bat, den vielen durch Onchozerkose irreversibel Erblindeten dort zu helfen, war das zunächst eine Berufung, der wir nur zögerlich folgten. Garu war so etwas wie das Letzte, was wir uns wünschten. Nachdem wir zuvor in Nepal, Tanzania und Madagaskar gearbeitet hatten. Wir waren ja inzwischen auch eine Familie mit zwei sehr kleinen Kindern (2 und 3 Jahre alt).
Wenn man von Accra aus gen Norden fahrt, genießt man zunächst den Anblick der tropisch grünen Landschaft rechts und links der Straße und dann kommt plötzlich der Abstieg in die Savanne, wo es trocken ist und der Harmattan herrscht. Das ist heute noch so wie damals vor fast 27
Jahren. Und dort lebt das Volk der Kusase, deren Familien zu Opfern der Flußblindheit geworden waren. Gab es für diese unzähligen Blinden überhaupt eine Möglichkeit ihnen zu helfen, sie und ihre Familien zu ermutigen, trotz aller Lethargie wieder Hoffnung zu schöpfen und aktiv zu werden ?
Dieser Herausforderung stellten sich eine Schweizer Familie und wir und durch Gottes Gnade konnten wir in nur vier Jahren eine solide Grundlage zur landwirtschaftlichen Rehabilitation Blinder in Garu und im Bezirk Bawbu aufbauen und danach in die Verantwortung einheimischer
Mitarbeiter/-innen übergeben. Und wie sieht das alles aus nach so vielen Jahren ?
Zunächst einmal wurde mir ganz eindringlich bewußt, dass die vier Jahre der Initialphase rein zeitlich gesehen ein immer kurzer werdender Abschnitt in der Garugeschichte werden.
Die Arbeit unter der Leitung einheimischer Mitarbeiter, vor allem des Direktors Edward Dahamany, ist nicht einfach so weiter gelaufen, sondern hat im Laufe der Zeit ganz neue Konzepte entwickelt. So ist es verständlich, dass Edward und ich den Gedanken hatten, den Beginn und Verlauf der Arbeit einmal aufzuschreiben, zu dokumentieren.
Ich habe viele Abende an einem kleinen Tisch vor "unserem" Haus, dem jetzigen Gästehaus, gesessen und Akten studiert (Briefwechsel und Berichte, Budgets etc.). Alles wurde sorgfältig aufbewahrt, auch die fast nur deutsche Korrespondenz der Anfangsjahre. Das war mühsam und staubig, aber auch wie eine Schatzsuche und jede Entdeckung konnte ich am darauffolgenden Tag mit Edward besprechen.
Neue Infektionen durch Flußblindheit (Onchozerkose) gibt es seit einigen Jahren in diesem Teil Westafrikas nicht mehr. Die WHO hat die Brutstätten des Übertragers - der schwarzen Fliege-
in mehr als 20 Jahren durch Besprühen der Flüsse mit Insektiziden erfolgreich bekämpft und dazu kam die Anfang der 90er Jahre möglich gewordene Behandlung und Prävention von Menschen durch das Medikament Ivermectin. Zu diesem Erfolg haben wir nur am Rande beigetragen. Unser Hauptziel war die Rehabilitation der unheilbar Erblindeten, die es ja immer noch überall gibt.
So wollte ich so schnell wie möglich in die Dörfer zu den Blinden. Der Januar ist immer der scheußlichste Monat der Trockenzeit, weil dann am Vormittag der aus dem Norden kommende staubige Wüstensturm, der Harmattan weht und den Blick wie ein Novembernebel trübt.
So war es auch bei dieser ersten Fahrt in die Dörfer Denugu und Sissi.
Edward sagt noch, dass es hier wohl am schwierigsten war, die Blinden und ihre Angehörigen dazu zu bewegen, Zwiebelgärten anzulegen. Und dann stehen wir plötzlich vor der grünen Zwiebeloase in der sonst so staubigen Landschaft und ganze Familien mit den Blinden sind bei der Arbeit. Die Zwiebeln sind schon gut gewachsen und jetzt kommt es drauf an, sie täglich zu bewässern. Das geschieht mit 10-15 Liter fassenden Kalebassen, mit denen man aus den 3-5 m tiefen Wasserlöchern das Wasser schöpft. Ich würde mal sagen, die Kalebassen sehen so aus wie kleine Schneemänner und in den Kopf hat man eine größere Öffnung zum Wasserschöpfen eingeschnitten und viele kleine Löcher auf der Gegenseite, aus denen dann das Wasser wie aus einer Gießkanne kommt. Die Blech-
gießkannen, die wir damals den Blinden schenkten, sind langst verrostet. Die Kalebassen muss man allerdings jedes Jahr in der Regenzeit neu anbauen und pflegen, damit möglichst große Gießkannen wachsen. Sie sind kostbar und auch zerbrechlich. Auf dem Markt in Garu sehe ich dann Körperbehinderte, die im Zentrum eigentlich als Schuhmacher ausgebildet wurden, wie sie angebrochene Kalebassen mit Lederstücken flicken. In Sissi stelle ich mich in den Schatten der Mangobäume, die vor 25 Jahren gepflanzt wurden und jetzt 10 m hoch sind.
Es ist ein ganzes Wäldchen oder besser gesagt ein Hain. Es sind veredelte großfrüchtige Mangos, die jetzt zentnerweise Frucht tragen und sich gut verkaufen lassen. Die Bäume wirken auf mich wie Zeugen der Beständigkeit. Damals mussten wir noch 300 km nach Obervolta (Burkina Faso) fahren,
um die Pflanzen ziemlich teuer einzukaufen. Heute beherrscht jeder Mitarbeiter des Zentrums das Okulieren der aus Samen gezogenen Pflanzen.
Als ich später zum Tamne komme, einem Fluß, der in der Trockenzeit kein Wasser mehr führt, sehe ich rechts und links des Flusslaufs viele Hektar mit Zwiebeln. An einer Brücke erinnert mich Edward daran, wie der etwas schwächliche blinde Elija von vielen belächelt seine ersten Zwiebelbeete anlegte. Leider ist er vor ein paar Jahren schon gestorben, aber die ganze Flussniederung ist ein einziger großer Zwiebelgarten. Zwiebelanbau hat sich vor allem durch das Beispiel der Blinden schnell für alle Bauern zu einer einträglichen Trockenzeitbeschäftigung entwickelt. Der kleine Markt in Garu ist zum Umschlagplatz geworden, von wo aus große Lastwagen die Zwiebeln in den Süden Ghanas und in die Nachbarländer transportieren. Das hat sich zu einer beachtlichen Einnahmequelle entwickelt, auch für die Blinden.
Wieder in Garu bitte ich Edward, mit mir in die Bank zu gehen, die vor fast zwei Jahrzehnten auf genossenschaftlicher Basis ins Leben gerufen wurde, damit Bauern beispielsweise die Einnahmen aus dem Verkauf von Zwiebeln auf ein Konto einzahlen können oder Kredite für den Kauf von
Kunstdünger in der Pflanzzeit erhalten. Das besondere an dieser Bank ist, dass immer nur Gruppenkontos von mindestens vier Personen zugelassen sind. Es herrscht großer Betrieb, weil Markttag ist. Unter den Wartenden entdecke ich Akisiba einen Blinden, den ich noch von früher
her kenne. Die Wiedersehensfreude ist groß. Er hat gerade ein Konto mit drei Nachbarn eröffnet und zeigt mir das Kontobüchlein, auf dem eben 150.000 Cedis gutgeschrieben wurden, das sind etwa 30 Euro. Mit solchen Kleinkunden geben sich die großen Banken nicht ab, aber diese Bank ist darauf spezialisiert. Inzwischen gibt es sechs Filialen in den Dörfern und Edward hat den schwierigen Start diese Kleinunternehmens als Vorsitzender des Vorstandes geleitet, ehrenamtlich und so ganz nebenbei.
Am zweiten Sonntag fahren wir ins weit entfernte Dorf Nakinten. Dort hatte unsere Arbeit mit den Blinden durch den Bau eines Brunnens 1975 begonnen. Der Brunnen wird noch benutzt. In der großen Rundhütte, die als Kirche dient, soll um 10 Uhr ein Erntedankgottesdienst beginnen.
Wir sind zunächst die einzigen, die schon eingetroffen sind. Aber dann beginnen einige junge Männer die Trommeln zu schlagen, Frauen fangen an zu singen und zu tanzen und bald sind 150 Leute versammelt und man beschließt, unter den großen Baum vor der "Kirche" zu gehen.
Dort treffe ich dann auch viele Blinde aus der Anfangszeit, unter ihnen Ali und Kwame. Ali hat inzwischen zwei erwachsene Töchter und einen Sohn. Ihm geht es gut. Das kann ich sehen. Kwame sieht schlecht aus und hat viele graue Haare, aber er ergreift das Wort, um mich zu begrüßen. Er besuchte noch die Schule ehe er mit 15 Jahren plötzlich erblindete. Er war einer der wenigen Blinden, die Englisch konnten, was uns zugute kam, denn außer ein paar alltäglichen Redewendungen hatten wir die Sprache Kusaal nie richtig gelernt. Ali und Kwame leiten heute die kleine Seifenwerkstatt als selbstständigen Betrieb und haben fünf sehende Frauen angestellt. weil die industriell hergestellte Seife (Unilever-Ghana) sehr teuer ist, haben sie gute Marktchancen.
Erntedankgaben bestehen noch immer aus Hirse, Mais ,Bohnen und Hühnern, aber mehr und mehr wird auch Geld gesammelt. Das Wetter macht mich langsam müde bei täglichen Temperaturschwankungen zwischen 17 und 35 Grad, Aber Edward hat ein anspruchsvolles Programm erstellt, damit ich vor allem die neuen Strukturen kennenlerne:
- die Aufteilung des Arbeitsgebietes in fünf Zonen, wo jeweils zwei "field-worker" und etliche Volontäre wohnen und arbeiten,
- die Zusammenarbeit mit lokalen Behörden und Häuptlingen und den kleinen Gruppen Behinderter, die sich örtlich organisiert haben,
- die Zuarbeit zu den Gesundheitseinrichtungen, um Polio-Kranke, Epileptiker, Gehörlose u.a. für eine eventuelle Behandlung vorzubereiten,
- die integrierte Ausbildung behinderter Kinder in Dorfschulen,
- Die Web-Werkstatt für behinderte Frauen und Mädchen u.a.
Fünf der zwölf Mitarbeiter, welche wir anfangs zu sogenannten "instructors" ausgebildet hatten und Edward als Direktor sind heute noch dabei und Adamo, der"driver" und Amusa, der "watchman". Ich besuche Joe, den Brunnenbauer. Sein Sohn Andrew war damals der beste Freund unseres Christian. Er hat gerade ein Stipendium erhalten, um in England Politikwissenschaften zu studieren. Joe-storekeeper, unser Nachbar, hat eine Tochter, die Medizin studiert und Michael-instructor ist 1999 zum zweitbesten Farmer Ghanas ausgezeichnet worden. - Es ist herzerfrischend für mich, mit allen Mitarbeitern in einer Art Abschlußrunde Probleme der Arbeit zu diskutieren und sie erwarten auch von mir eine kritische Einschätzung ihrer Arbeit. Mit einem Festessen, Gebeten und Segenswünschen findet mein Aufenthalt seinen Abschluss. Jetzt bin ich dabei, die Garu-Dokumentation zu beginnen, auf die schon viele warten, eine Erfolgsstory?. Ich glaube schon, denn Gott hat die Ausdauer der einheimischen Träger und Mitarbeiter und die ununterbrochene Unterstützung des Projektes durch die Christoffel Blindenmission gesegnet.